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Pomp in Music
13. Juli – 2. September 2017

 

 

Pomp kann Ausdruck von Kunst, Schönheit, Reichtum, Verschwendung, Grosszügigkeit oder Macht sein. Während im deutschen Sprachgebrauch der Prunk für etwas Kunstvolles und Schönes, aber eher Statisches steht, welches in der Architektur durch prunkvolle Bauwerke am besten zum Ausdruck kommt, wird der Pomp, abgeleitet vom lateinischen «pompa» (Aufzug, Umzug), eher als etwas Dynamisches gesehen, das jedoch mit leicht anrüchigen Attributen wie Verschwendung, zur-Schau-stellen, Übermass, Protz, Kitsch oder Geschmacklosigkeit gleich gesetzt werden kann.

Der Gegensatz zwischen Pomp und Prunk als grosszügiger Ausdruck für Schönheit und Kunst oder aber (!) verschwenderischer Lust, materiellen Reichtum anzuhäufen, könnte nicht grösser sein. Nochmals eine andere Bedeutung von irrationalem Ausmass ist die Anbetung einer übermenschlichen Instanz, die sich unserer Wertvorstellung entzieht und durch Grösse und pompöse Macht dargestellt wird. Diese Anbetung wird mal durch spirituelle und religiöse, mal durch philosophische Denkweisen zu verwirklichen versucht. Der Missbrauch jedoch von pompösen Werken der Kunst (Architektur und Musik) als Symbole für Macht und Überlegenheit gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte.

Pomp durch Kunst-Projekte auszudrücken, scheint für Künstler aller Genres seit Jahrhunderten einer der intuitivsten Wege zu sein, sich zu entfalten. Das unerklärliche Grosse in Musik, Bildern oder Bauwerken zu erfassen, wird aber erst dann greifbar und sinnerfüllend, wenn Menschen ermöglicht wird, an diesem in Kunst verkörperten Reichtum teilzuhaben. Die Grosszügigkeit der Künstler und Spender wird genährt durch die Freude, andere Menschen an ihrem Reichtum teilhaben, ihnen etwas zugute kommen zu lassen, etwas zu spenden. Während das Spenden und Teilen von Prunk und Reichtum positiv behaftete Verhaltensweisen sind, ist das unverhältnismässige „Protzen“ mit Prunk-Elementen in unserer westlich aufgeklärten und demokratisierten Gesellschaft eher verpönt und umstritten.

So hat sich der Umgang mit Prunk auch in den letzten Jahrhunderten der Musikgeschichte grundsätzlich gewandelt von einem Repräsentationsmittel hin zum Ausdruck überirdischer, immaterieller Grösse bis hin zum Missbrauch der Darstellung von Macht und Grösse politischer Kräfte durch Musik.

Könige und Herrscher des Barocks und der Frühklassik haben sich oft mit eigenen Hofkomponisten musikalische Werke schaffen lassen, die ihre Überlegenheit und Grösse darstellen sollten oder welche durch religiöse Auftragswerke die Grösse göttlicher Mächte auszudrücken versuchten, wobei die Gleichsetzung königlicher und göttlicher Grösse damals zum Verständnis der Gesellschaft gehörte. Die Orgel als „Königin der Instrumente“ (Liszt bezeichnete sie gar als „Papst der Instrumente“) sollte diese Dimension mit instrumentaler Kraft jederzeit darstellen können. Prachtvolle Werke des Barocks wie Händels Messias oder Bachs Magnificat zeugen von der Kraft der Wertvorstellungen göttlicher (und königlicher) Überlegenheit im Barock.

In der Epoche der Klassik und kurz vor der französischen Revolution haben sich Fürsten wie jener grosszügige Fürst Nikolaus I, Joseph von Esterhazy, genannt der „Prachtliebende“, in Eisenstadt ein eigenes Orchester und einen Hofkomponisten, Joseph Haydn, geleistet und erstmals auch das allgemeine Volk teilweise an ihrem Reichtum teilhaben lassen, indem er in seinem Schloss öffentliche Konzerte angeboten hat.  Mit „Krönungsmessen“ und „Krönungskonzerten“ haben Komponisten wie Mozart und später Beethoven den königlichen Oberhäuptern, damals oft ihre Auftraggeber, Grösse attestiert.

Erst in der Spät-Romantik resp. frühen Moderne konnten Philosophen wie Friedrich Nietzsche Fragen ausserhalb des christlichen Glaubens zum Übermenschlichen und Unfassbarem stellen in „Also Sprach Zarathustra“: "Übermenschen": "Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?" dessen Handlung Richard Strauss in eines der pompösesten Orchesterwerke der Musikgeschichte vertont hat. Der Beizug der Orgel bei diesem Werk wie auch bei Saint-Saëns „Orgelsinfonie“ soll diese immaterielle Macht und Grösse unterstreichen. Orchestral reizt Gustav Mahler in seiner 1. Sinfonie die Dimension und Grösse eines spätromantischen Orchesterapparates aus, bevor er in späteren Werken dann mit der traditionellen Tonsprache bricht.  

Die Oper AIDA wurde zur Eröffnung des Suez-Kanal 1869 und zur Eröffnung des neuen Opernhauses in Kairo bei Giuseppe Verdi in Auftrag gegeben, konnte jedoch nicht rechtzeitig beendet werden, weshalb die Oper Rigoletto für die Eröffnung „herhalten“ musste. Die Botschaft war aber klar: Das Stück, welches im Ägypten zur Zeit der Pharaonen spielt, soll Grösse, Macht und Überlegenheit demonstrieren. Es sprengte das bis dahin übliche Mass an Opernproduktionen bei weitem.

Einer der fünf Märsche aus „Pomp und Circumstances“ op. 39 von Edward Elgar ist die heimliche Nationalhymne Englands, weil er einem Ritual gleich beim letzten Konzert der BBC-Proms-Sommerkonzerte in der Royal Albert Hall erklingt als letztes Werk des jeweiligen Festivals und eine Glorifizierung des Mutterlandes (!), des „Land of Hope and Glory“ (Refrain) ist. Dabei bedeutet es eine schöne Tradition, dass das Publikum aus voller Kehle mitsingt und vom BBC-Orchester begleitet wird. Mit pomp and circumstance ist demnach Festumzug und Rüstung eines glorreichen Krieges gemeint: Sieg, Stärke und Überlegenheit sollen demonstriert werden.

Kammermusikserie «Richesse Intérieure»
Als Kontrast zu diesen eher materiellen und quantitativ mess- und fühlbaren  Prunkelementen verschiedener Epochen soll der Kammermusik-Zyklus "Richesse Intérieure" den musikalischen Reichtum namentlich bei Kammermusik-Werken von Brahms und Beethoven zeigen: Harmonische Dichte, Ideenflut, Melodienreichtum, überschwängliche Ausdrucksformen prägen diese Meisterwerke und stehen für ergiebigste Schaffensperioden der Komponisten.

Zyklus früherer Kammermusik-Werke von Brahms:
Unter dem Titel „Neue Bahnen“ stellte Robert Schumann im Oktober 1853 den gerade 20 Jahre alten Johannes Brahms vor. Mit dem Ausruf „Das ist ein Berufener“ schloss Schumann den ersten Abschnitt seiner langen Lobrede auf einen sehr jungen Pianisten und Komponisten, der noch kaum etwas geschrieben hatte, und den Schumann nur in Düsseldorf Klavier spielen hörte. Das Spiel des jungen Brahms hat Schumann so gut erfasst, dass es heute noch seine Gültigkeit hat: „Am Klavier sitzend, begann er wunderbare Regionen zu enthüllen“ berichtet Schumann „Dazu kam ein geniales Spiel, das aus dem Klavier ein Orchester machte“. In Brahms Spiel seien verschleierte Symphonien zu hören, dann wieder Lieder, dann wieder Streichquartette, schreibt Schumann abschliessend.

Diesen Reichtum an Formen, musikalischen Gedanken und Klangfarben hat sich Brahms zeitlebens bewahrt. In den Klavierwerken, die vor allem in der Jugend zwischen 1852 und 1861 entstehen, finden sich harmonische Kühnheiten und rhythmische Innovationen, wie etwa 2er und 3er Rhythmus gleichzeitig einzusetzen. In den beiden Streichsextetten op.18 und op.36 leistet sich Brahms den Luxus, eigentlich nur für vier Instrumente zu schreiben und die zwei weiteren lediglich einzusetzen, um neue Klangkombination zu erhalten oder um einen Klangteppich zu weben, auf dem sich die vier Hauptinstrumente bewegen können.

Bereits ein gestandener Komponist gelingt es Brahms seinen Reichtum an Formen und Klängen aus den Klaviersonaten und den Sextetten so zu verdichten, dass er in die traditionellen Formen von Streichquartett und Violinsonate passt.

Erst spät entdeckt Brahms die Klarinette, erkennt, dass dieses Instrument bei weitem den grössten Tonumfang aller Blasinstrumente hat und dass es über drei ganz unterschiedlich klingende Register verfügt. Von all diesen Eigenschaften macht Brahms so gekonnt und vielfältig Gebrauch wie er als junger Komponist mit seiner reichen Gestaltung des Klavierklangs die Musikwelt überraschte.

Zyklus aller Beethoven-Violinsonaten
Beethoven schreibt zwischen 1799 und 1802 mit einer Ausnahme alle Violinsonaten in kurzer Folge hintereinander (op. 96 erst 1816).
Die erste Gruppe (op. 12 Nr. 1-3) widmete er Salieri. Für diese Werke musste er von der zeitgenössischen Fachkritik herbe Kritik einstecken für etwas, was für den heutigen Hörer ihre Besonderheit ausmacht: ihre ausgesprochen dichte Komposition. Der Rezensent in der allgemeinen musikalischen Zeitung von 1799 vermisst schmerzlich natürlich fliessende Melodien, die einfachen Rhythmen und „schöne Stellen“. Genau das vermeidet Beethoven und komponiert so, als hätte er ein Orchester vor und seine Lehrer (Haydn, Salieri und Albrechtsberger) hinter sich.
Der genannte Rezensent schreibt: „Herr von Beethoven geht seinen eigenen Gang. Gelehrt, gelehrt und immerfort gelehrt. Und keine Natur, kein Gesang. Gelehrte Masse ohne Methode. Ein suchen nach seltener Modulation, ein Ekelthun gegen gewöhnliche Verbindung, ein anhäufen von Schwierigkeit auf Schwierigkeit, dass man alle Freude verliert.“ Das ist auch aus heutiger Sicht richtig. Aber genau dieser Reichtum an Modulationen und Schwierigkeiten aller Art macht Beethovens Meisterwerke aus.
Die Idee, immer alles in EINEM Werk sagen zu wollen, verfolgt Beethoven zeitlebens. Aber weil sich das nicht immer realisieren lässt, komponiert er Paare, wie die 5. und 6. Sinfonie oder die beiden Violinsonaten op.23 und op.24, die sehr eng zusammengehören.

Der orchestrale Gedanke wird dann in der Kreutzersonate ganz deutlich ausgespielt. Sie hiess ursprünglich Sonate a-Moll op. 47 mit Violin-Concertante, dann geändert zu „Sonate in uno stile molto concertante quasi come d’un concerto“.

Weil die Sonaten so orchestral gedacht sind, liessen sie sich hervorragend arrangieren. Die Kreutzersonate op.47 wurde von Brahms‘ Lehrer Marxen für Orchester umgearbeitet; Ferdinand Ries hat 1835 die Sonate op. 96 für Streichquartett arrangiert.

Dichte, Fülle, Reichtum gibt es beim Festival 2017 zu erleben in über 60 Konzerten, an 11 verschiedenen Spielorten und während 7 Wochen vom 13. Juli 2017 an.

Wir heissen Sie herzlich willkommen!

Mit musikalischen Grüssen
Christoph Müller, CEO und Intendant